Max Horkheimer
Max Horkheimer (* 14. Februar 1895 in Zuffenhausen bei Stuttgart; † 7. Juli 1973 in Nürnberg) war ein deutscher Sozialphilosoph.
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Leben
Horkheimer wurde in der Schwieberdinger Straße 58 in Zuffenhausen[1] als Sohn einer jüdischen Fabrikantenfamilie geboren. Als Untersekundaner verließ er 1911 das Gymnasium und trat als Lehrling in die väterliche Fabrik ein. Seit dieser Zeit verband ihn eine lebenslange Freundschaft mit Friedrich Pollock, auch er ein Sohn eines Stuttgarter Fabrikanten. Nach Lehrzeit und einem Volontariat in Brüssel wurde er 1914 Juniorchef im väterlichen Unternehmen. Als Betriebsleiter und Prokurist blieb er zunächst vom Militärdienst verschont, erst 1917 wurde er einberufen. 1919 holte er das Abitur in München nach. Von 1919 bis 1922 studierte er in München, Frankfurt am Main und Freiburg. 1922 promovierte ihn mit summa cum laude in Frankfurt Hans Cornelius, dessen Assistent er danach für drei Jahre war. 1925 habilitierte er sich ebendort. 1926 heiratete er Rose („Maidon“) Christine Riekher, die frühere Privatsekretärin seines Vaters.
1930 ernannte ihn die Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt zum Ordinarius für Sozialphilosophie an der Philosophischen Fakultät. Im gleichen Jahr wurde er Direktor des 1924 unter Carl Grünberg gegründeten Instituts für Sozialforschung bis zu dessen Schließung durch die Nationalsozialisten. Die Emigration führte ihn über Genf und Paris nach New York, wo er an der Columbia University das Institut für Sozialforschung neu gründete. 1941 übersiedelte er an die Westküste nach Pacific Palisades (Los Angeles) und wurde direkter Nachbar von Thomas Mann. Sein engster Mitarbeiter und Freund Theodor W. Adorno folgte ihm wenig später. 1947 veröffentlichte er in den USA Eclipse of Reason (dt. Ausgabe: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, 1967) und gemeinsam mit Adorno die Dialektik der Aufklärung, zwei seiner Hauptwerke. 1949 kehrte Horkheimer an die Universität Frankfurt zurück, ihrem Ruf auf den Doppellehrstuhl für Philosophie und Soziologie folgend. 1950 konnte das Institut für Sozialforschung unter seiner Leitung (mit Adorno als stellvertretendem Direktor) wieder eröffnet werden. 1951 wurde er zum Rektor der Universität gewählt.
Horkheimer war Begründer und Herausgeber der Zeitschrift für Sozialforschung (1932-39), fortgesetzt als Studies in Philosophy and Social Science (1940-42) und Initiator der Studien über Autorität und Familie (erschienen 1936 in Paris). Als spiritus rector beider Projekte arbeitete er eng mit einer Gruppe von sozialkritischen, marxistisch und freudianisch gesinnten Wissenschaftlern zusammen, die man in der Sekundärliteratur als “Horkheimer-Kreis” und später auch als Frankfurter Schule etikettierte.
Sein Schüler und späterer Nachfolger[2] auf dem Frankfurter Lehrstuhl, Alfred Schmidt, hat zusammen mit Gunzelin Schmid Noerr Horkheimers Gesammelte Schriften in 19 Bänden herausgegeben.
Die Stadt Frankfurt am Main ehrte Max Horkheimer mit der Goethe-Plakette (1953) und ernannte ihn zum Ehrenbürger (1960). Bereits 1957 hatte er sich zusammen mit Friedrich Pollock in Montagnola (Schweiz) niedergelassen. Er liegt begraben auf dem Jüdischen Friedhof Bern.
Wirken und Bedeutung
Horkheimer gilt als Begründer und, gemeinsam mit Adorno, als Protagonist der Frankfurter Schule und Hauptvertreter der Kritischen Theorie, einer von Hegel und Marx inspirierten Gesellschaftstheorie.[3]. Zum engerem Zirkel gehörten in den Jahren vor der Emigration Erich Fromm und Herbert Marcuse; auch mit Walter Benjamin bestand ein reger intellektueller Austausch. Horkheimers Arbeiten elaborieren eine fundamentale Kritik der Bürgerlichen Gesellschaft, die er als eine von politischen und ökonomischen Gegensätzen, ideologischen Widersprüchen und sozialen Ungerechtigkeiten zerrissene Gesellschaftsformation kennzeichnet. Mit einer aus zeitgeschichtllchen Umständen und persönlichen Erfahrungen verständlichen Konsequenz konstatiert Horkheimer einen Zusammenhang zwischen dem Kapitalismus (der wirtschaftlichen Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft) und der Entstehung des Faschismus: Als eine Reaktion auf die Krise des Kapitalismus versuche der Faschismus, den Kapitalismus mit despotischen Mitteln aufrechtzuerhalten. “Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen”, formulierte er pointiert am Vorabend des Zweiten Weltkriegs.[4]
Jürgen Habermas zufolge investierte Horkheimer zwischen 1932 und 1941 seine theoretischen Impulse und intellektuellen Energien in einen “interdisziplinären Materialismus”, in eine “Aufhebung der Philosophie in Gesellschaftstheorie”. Zustimmend zitiert er Hauke Brunkhorst, der Horkheimer in seiner produktivsten Phase als “Anti-Philosoph” sah.[5] In einer wissenssoziologischen Studie der frühen Frankfurter Schule hat Helmut Dubiel die “kognitive Führungsrolle” Horkheimers in dem interdisziplinären Forschungsprogramm des Instituts für Sozialforschung herausgearbeitet. Demnach habe Horkheimer Sozialforschung als eine “sozialwissenschaftliche Großdisziplin” verstanden, die auf eine Integration von Philosophie und Fachwissenschaft abzielte und alle Disziplinen umfasste, die “im Frankfurter Kreis personell repräsentiert gewesen sind: Soziologie, Sozialphilosophie, Psychologie, Ökonomik, Jurisprudenz, Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, Politologie”.[6] Ihr erklärtes Ziel war eine “Theorie der gegenwärtigen Gesellschaft als ganzer”,[7]
Im Horkheimerschen Spätwerk drängt sich ein von Schopenhauer beeinflusster, metaphysisch begründeter Pessimismus hervor. Für Horkheimer ist die menschliche Existenz - neben dem materiell verursachten Leid - eine durch und durch leidvolle, die in der Natur des Seins selbst begründet ist, auch wenn er mit Karl Marx das materielle Leid für überwindbar bzw. prinzipiell abmildbar begreift. Aber im Gegensatz zu Marx versteht er den Sozialismus nicht als eine auf historischer Gesetzmäßigkeit beruhende Zukunftsgesellschaft, sondern als eine in der historischen Entwicklung mögliche politisch-gesellschaftliche Konstellation, die einen Ausweg aus den sozialen Widersprüchen und Problemen der Gegenwart bieten könnte.
Werke
- (Zs. mit Theodor W. Adorno): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Querido Verlag, Amsterdam 1947
- Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Frankfurt am Main 1967
- Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Hamburg 1970
- Traditionelle und kritische Theorie. Frankfurt am Main 1970
- Über Kants Kritik der Urteilskraft als Bindeglied zwischen theoretischer und praktischer Philosophie. Habilitation. - Frankfurt, Main 1925. - 64 S.
- Anfänge der bürgerlichen Geschichtsphilosophie. Stuttgart: Kohlhammer, 1930. - 116 S.
- Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung. Öffentliche Antrittsvorlesung bei Übernahme des Lehrstuhls für Sozialphilosophie und der Leitung des Instituts für Sozialforschung am 24. Januar 1931 / gehalten von Max Horkheimer. - Frankfurt am Main: Englert & Schlosser, 1931. - 16 S.
- Dämmerung. Notizen in Deutschland. [unter d. Pseud.: Heinrich Regius]. - Zürich: Oprecht und Helbling, 1934, - 277 S.
- Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Philosophische Fragmente. [hektographiertes Typoskript]. - New York, Los Angeles: Institute of Social Research, 1944. - 336 S.
- Max Horkheimer u. Theodor Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Amsterdam: Querido, 1947. - 310 S. [= Philosophische Fragmente, 1944]
- Zum Begriff der Vernunft. Festrede bei der Rektoratsübergabe … am 20. November 1951. Frankfurt, Main: Klostermann, 1952
- Survey of the social sciences in Western Germany: a report on recent developments / by Max Horkheimer. - Washington: Libr. of Congress, Reference Dep., European Affairs Div., 1952. - 225 S.
- Gegenwärtige Probleme der Universität. [enthält:] Akademisches Studium; Begriff der Bildung; Fragen des Hochschulunterrichts / Max Horkheimer. - Frankfurt, Main: Klostermann, 1953. - 39 S.
- Über die deutschen Juden. Vortrag / Max Horkheimer. - Köln: DuMont, 1961. - 20 S.
- Um die Freiheit / Max Horkheimer. - Stuttgart: Europ. Verl.-Anst., 1962. - 41 S.
- Über das Vorurteil. - Köln [u.a.] : Westdt. Verl., 1963. - 40 S.
- Autoritärer Staat. Die Juden und Europa [u.a.]. Aufsätze 1939 -1941 / Max Horkheimer. - Amsterdam: de Munter, 1967. - 123 S.
- Zur Kritik der instrumentellen Vernunft: aus d. Vorträgen u. Aufzeichn. seit Kriegsende / Max Horkheimer. Hrsg. von Alfred Schmidt. - Frankfurt am Main: S. Fischer, 1967.
- Vernunft und Selbsterhaltung / Max Horkheimer. - Frankfurt/M. : Fischer, 1970. - 57 S.
- Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen / Max Horkheimer. Ein Interview mit Kommentar von Hellmut Gumnior. - Hamburg: Furche-Verl., 1970. - 90 S.
- Traditionelle und kritische Theorie : 4 Aufsätze / Max Horkheimer. - Frankfurt am Main [u.a.] : Fischer Bücherei, 1970. - 230 S.
- Sozialphilosophische Studien: Aufsätze, Reden und Vorträge 1930 - 1972; mit einem Anhang über Universität und Studium / Max Horkheimer. - Frankfurt am Main: Athenäum Fischer Taschenbuch Verl., 1972. - 203 S.
- Gesellschaft im Übergang: Aufsätze, Reden und Vorträge 1942 - 1970 / hrsg. von Werner Brede. - Frankfurt am Main: Athenäum-Fischer-Taschenbuch-Verl., 1972. - 176 S.
- Dämmerung: Notizen in Deutschland / Heinrich Regius. - Fotomechan. Nachdr. d. Erstausg. Zürich, Oprecht u. Helbling, 1934.. - [Frankfurt (Main)] : Edition Max, 1972. - 277 S.
- Aus der Pubertät: Novellen und Tagebuchblätter / Max Horkheimer. - München: Kösel, 1974. - 374 S.
- Staudinger, Hugo: Humanität und Religion: Briefwechsel und Gespräch / Hugo Staudinger; Max Horkheimer. - Würzburg: Naumann, 1974. - 84 S.
- Die gesellschaftliche Funktion der Philosophie: ausgewählte Essays / Max Horkheimer. - 1. Aufl. dieser Ausg.. - Frankfurt (am Main) : Suhrkamp, 1974. - 298 S.
- Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus: Analysen des Instituts für Sozialforschung 1939 - 1942 / von Max Horkheimer …; hrsg. von Helmut Dubiel …. - Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, 1981. - 366 S.
- Horkheimer und Italien: Dokumente, Texte, Interviews / Max Horkheimer. Hrsg. von Gerd van de Moetter. - Frankfurt am Main [u.a.] : Lang, 1990. - 300 S.
- Studien über Autorität und Familie: Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung / Max Horkheimer; Erich Fromm; Herbert Marcuse. - Reprint der Ausg. Paris 1936. - Lüneburg: zu Klampen, 2001. - ca. 950 S.
Literatur
- Gerhard Bolte: Von Marx bis Horkheimer. Aspekte kritischer Theorie im 19. und 20. Jahrhundert, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1995, ISBN 3-534-12798-6
- Helmut Gumnior u. Rudolf Ringguth: Max Horkheimer, Reinbek bei Hamburg: rowohlts monographien, 1973, ISBN 3-499-50208-9
- Zvi Rosen: Max Horkheimer, München: Beck’sche Reihe, 1995, ISBN 3-406-34640-5
- Alfred Schmidt u. Norbert Altwicker (Hrsg.): Max Horkheimer heute: Werk und Wirkung, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 1986, ISBN 3-596-26559-2
- Rolf Wiggershaus: Max Horkheimer zur Einführung, Hamburg: Junius, 1998, ISBN 3-88506-977-6
Wikiquote: Max Horkheimer – Zitate
- Literatur von und über Max Horkheimer im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (englisch, inklusive Literaturangaben)
- Max Horkheimer Archive auf marxists.org
- Alexandra Bauer: „denn Rettung der Aufklärung ist unser Anliegen“. Horkheimer/Adorno über die Elemente des Antisemitismus
- Horkheimer-Nachlass-Archiv an der Universität Frankfurt
- Eintrag in philolex
Einzelnachweise
- ↑ Porsche und Zuffenhausen: Zwei Welten, die zueinander nicht kommen
- ↑ Unmittelbarer Nachfolger auf Horkheimers Lehrstuhl war Jürgen Habermas von 1964 bis 1971.
- ↑ Siehe Max Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie, in: Gesammelte Schriften, Band 4, Frankfurt am Main 1988, S. 208.
- ↑ Max Horkheimer: Die Juden und Europa, in: Gesammelte Werke, Band 4, Frankfurt am Main 1988, S. 308 f. Erstveröffentliochung in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. VIII/1939.
- ↑ Jürgen Habermas: Bemerkungen zur Entwicklungsgeschichte des Horkheimerschen Werkes. In: Alfred Schmid / Norbert Altwickler (Hrsg.): Max Horkheimer heute: Werk und Wirkung. Fischer, Frankfurt am Main 1986, S. 163f.
- ↑ Helmut Dubiel: Wissenschaftsorganisation und politische Erfahrung. Studien zur frühen Kritischen Theorie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, S. 150.
- ↑ Vorwort des ersten Heftes der Zeitschrift für Sozialforschung. 1, Jg., DH. 1/2, 1932, S. I.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Horkheimer, Max |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Philosoph und Soziologe |
| GEBURTSDATUM | 14. Februar 1895 |
| GEBURTSORT | Zuffenhausen bei Stuttgart |
| STERBEDATUM | 7. Juli 1973 |
| STERBEORT | Nürnberg |
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