Diskursanalyse

Diskursanalyse ist ein Oberbegriff für die sozial-, sprach- oder geschichtswissenschaftliche Analyse von Diskursphänomenen. Je nachdem, was als Diskurs betrachtet wird, gibt es dafür unterschiedliche Interpretationen. In den Sozialwissenschaften ist nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt des Diskurses Gegenstand der Analyse.

Inhaltsverzeichnis

Gegenstand und Methoden

Gegenstand der Diskursanalyse sind die unterschiedlichen Diskurse, die von Diskurstheoretikern problematisiert wurden. Dazu gehören Michel Foucault, Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel. Foucault stellte mit seinem L’ordre du discours (1974) die traditionelle Geistesgeschichte in Frage. Foucault schuf aber keine Methode, sondern legte mit seinen theoretischen Überlegungen Grundsteine für eine neue Art des Denkens, ein erkenntnistheoretisches Modell, das in der Literaturwissenschaft, der Soziologie und zunehmend in der Geschichtswissenschaft angewendet und reflektiert wird. Als wissenschaftliche Methode spielt die Diskursanalyse auch im Bereich der Politikwissenschaft eine zunehmend wichtige Rolle. In Frankreich trug insbesondere der Diskursforscher Michel Pêcheux dazu bei, die methodologische Umsetzung einer empirisch orientierten Diskursanalyse voranzutreiben. Angesichts unterschiedlicher Ideenschulen kann von einem einheitlichen Verfahren keine Rede sein.

Die in Deutschland von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas geprägte Diskurstheorie ist nicht mit der an Foucault angelehnten und vom postmodernen Denken beeinflussten Diskurstheorie zu verwechseln. Ihre unter den Begriffen „Diskursethik“, „Diskurstheorie des Rechts“ und „Konsenstheorie der Wahrheit“ bekannte Denkschule ist dem Denken der Moderne verbunden und versucht deren Errungenschaften, gegen die Foucaults Analyse ausgesprochen kritisch ist, zu bewahren.[1] Aus dieser Strömung stammt auch einige Kritik an Foucaults Diskursanalyse (Hans-Ulrich Wehler, Herbert Schnädelbach, Urs Marti u.a.). Anders als Foucault schuf Herbert Schnädelbach mit seinem Hauptwerk Reflexion und Diskurs (1977) zur Diskursanalyse ein methodisches Instrumentarium. Auf der Ebene von pragmatischen Sinnexplikationen rekonstruiert die Schnädelbachsche Diskursanalyse den jeweiligen Diskursgegenstand in Form von satzförmigen Sachgehalten, um die Bestimmung ihrer Geltung (die Foucault offen lasse), auch und gerade unter den (post-)modernen Bedingungen einer Diskurspluralität zu ermöglichen.

Untersuchungsfeld und -umfeld

Allgemein untersucht Diskursanalyse den Zusammenhang von sprachlichem Handeln und sprachlicher Form, sowie den Zusammenhang zwischen sprachlichem Handeln und gesellschaftlichen, insbesondere institutionellen, Strukturen. Während man sich in den Sozialwissenschaften i.A. für situationsübergreifende Ordnungen der Sinnproduktion interessiert, ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht die Abgrenzung des Diskurses (als pragmatisches Phänomen) gegenüber dem Text (als sprachliche Struktur des Diskurses, welcher unter anderem in der Textlinguistik untersucht wird) bemerkenswert.

Bei einer Diskursanalyse können folgende Themen Beachtung finden
Ähnliche Konzepte sind


Diskursanalyse in der Geschichtswissenschaft

Die historische Diskursanalyse (DA) geht von einer doppelten Vermittlung von Geschichte aus. Zum einen durch Quellen, zum anderen durch ihre Darstellung (in Geschichtsbüchern beziehungsweise geschichtswissenschaftlichen Abhandlungen). Geschichte wird stets von Zeichensystemen vermittelt und ist insofern immer konstruiert, indem sie genau diese sinnhaften (Zeichen-) Konstruktionen zum Gegenstand ihrer Untersuchung erhebt – anders gesagt: Historische Ereignisse, Strukturen und Prozesse sind untrennbar mit ihrer Repräsentation verknüpft. Geschichte ist nur in vermittelter Form zugänglich, also als „re-präsentierte Realität“. Die DA spürt also den Formen und Regeln der Repräsentation nach.

Diskursanalyse in den Sozialwissenschaften

Sie untersucht die Regeln und Regelmäßigkeiten des Diskurses, seine Möglichkeiten zur Wirklichkeitskonstruktion, seine gesellschaftliche Verankerung und seine historischen Veränderungen. Sie stellt insbesondere Fragen nach den sozialen und institutionellen Zusammenhängen, in denen Aussagen des Diskurses auftauchen, sowie nach der Organisation der Aussagen, das heißt nach den Prinzipien ihrer Anordnung. Das Forschungsinteresse richtet sich insbesondere auf die Existenz der Aussagen. (Warum treten gerade diese Aussagen auf? Warum in dieser Form und in diesen Zusammenhängen?) Die DA beabsichtigt also nicht, einen (literarischen) Text in seiner Ganzheit zu verstehen und zu interpretieren wie etwa die Hermeneutik, sondern es geht ihr vielmehr um Diskursformationen (Strukturen, Praktiken), die sich durch die unterschiedlichsten Texte hindurchziehen.

Vier Charakteristika des Diskurses in der Sozialwissenschaft

Nach Dominique Maingueneau, einem Vertreter der linguistischen Diskursanalyse in Frankreich, lassen sich vier Charakteristika in der DA nach Foucault ausmachen:[2]

1. Ort: historischer, sozialer, kultureller Ausgangspunkt einer Serie ähnlicher Aussagen, der “Ort des legitimen Sprechens” (Institutionalisierung eines Sachverhaltes z.B. Wahnsinn im Rahmen der Psychiatrie). Der Ort ist eng mit Macht verbunden, da es sich dabei zumeist auch um einen Platz handelt, “den ein Subjekt einnehmen muss, wenn es im Rahmen eines Diskurses etwas sagen will, das als Wahrheit gelten soll”.[3]
2. Einschreibung: Äußerungen werden erst zu Aussagen durch die Wiederholung ähnlicher Äußerungen, denn durch Wiederholung generieren die miteinander verbundenen Aussagen ein Ordnungsschema bzw. eine diskursive Regelmäßigkeit.
3. Grenzen und Interdiskurse: Ein Diskurs zeichnet sich immer auch durch seine Beschränkungen aus, d.h. durch Verbote, Ausgrenzungen (des Sagbaren, Sichtbaren), zugleich zeigen sich auch immer Verbindungen zu anderen Diskursen z.B. durch Kollektivsymbole (=diskursive Elemente, die zu einer bestimmten Zeit in vielen Diskursen vorkommen, sie dienen als Quelle von Evidenz und Deutbarkeit).
4. Archiv: Die drei vorangegangenen Elemente konstruieren das Archiv. “Auf Basis dieses Archivs erst kann man dann inhaltliche Aussagen darüber machen, wie Diskurse die soziale Welt des Bezeichneten in ihrer historischen Spezifität hervorbringen.”[4]

Darüber hinaus ist die Eigenlogik folgender Elemente zu bedenken und im Auge zu behalten:

a) der diskurs-immanenten Ordnung
b) der Medialität (jedes Medium hat seine eigenen inhärenten Darstellungsformen, die zu berücksichtigen sind.)
c) der Polysemie der Sprache.

Analyseschritte in der Sozialwissenschaft

  • Institutioneller Rahmen / Kontext (z. B.: Autor, Medium, Ereignishintergrund)
  • Text-Oberfläche (Gestaltung, Sinneinheiten, Strukturierung angesprochener Themen)
  • Sprachlich-rhetorische Mittel (Analyse der Argumentationsstrategien, Implikationen und Anspielungen, Logik und Komposition, Kollektivsymbolik (”Bildlichkeit”), Redewendungen, Wortschatz, Stil, Akteure, Referenzbögen …)
  • Inhaltliche-ideologische Aussagen: Menschenbild, Gesellschaftsbild, Vorstellungen von Zukunft, Technik etc.
  • Interpretation: Systematische analytische Darstellung eines Diskursfragments nach der Aufbereitung des Materials. Dabei werden die einzelnen Elemente aufeinander bezogen.

Zentrale Analysekategorien sind dabei die Diskursstränge, der diskursiven Ereignisse, Diskursebenen und Diskurspositionen.[5]

Literatur

  • Johannes Angermüller, Katharina Bunzmann, Martin Nonhoff (Hg.): Diskursanalyse: Theorien, Methoden, Anwendungen. Hamburg 2001.
  • Johannes Angermüller: Nach dem Strukturalismus. Theoriediskurs und intellektuelles Feld in Frankreich. Bielefeld 2007. ISBN 978-3-89942-810-0
  • Klaus-Michael Bogdal: Historische Diskursanalyse der Literatur. Theorie, Arbeitsfelder, Analysen. Vermittlung, Opladen 1999.
  • Rainer Diaz-Bone: Probleme und Strategien der Operationalisierung des Diskursmodells im Anschluss an Michel Foucault. In: Hannelore Bublitz u. a. (Hrsg.): Das Wuchern der Diskurse. Campus, Frankfurt am Main 1999: S. 119–135.
  • Andrea D. Bührmann, Rainer Diaz-Bone, Encarnación Guitérrez Rodriguez, Gavin Kendall, Werner Schneider & Francisco J. Tirado (Eds.): Diskursanalyse in den Sozialwissenschaften. (= Special Issue von Historical Social Research, HSR Vol. 33, 2008, Nr. 1).
  • Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses. 6. Auflage, Frankfurt am Main 2001.
  • Clemens Kammler: Historische Diskursanalyse (Michel Foucault). In: Klaus-Michael Bogdal (Hg.): Neue Literaturtheorien. Eine Einführung. Opladen 1990: S. 31–55.
  • Siegfried Jäger: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. 4. Auflage, Unrast, Münster 2004, ISBN 3-89771-732-8.
  • Reiner Keller: Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen. 3. Auflage, Wiesbaden 2007, ISBN 3-8100-3789-3
  • Reiner Keller: Wissenssoziologische Diskursanalyse – Grundlegung eines Forschungsprogramms. 2. Auflage, Wiesbaden 2008.
  • Reiner Keller, Andreas Hirseland, Werner Schneider, Willy Viehöver (Hg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Bd.1: Theorien und Methoden. 2. Auflage. Wiesbaden 2007.
  • Reiner Keller, Andreas Hirseland, Werner Schneider, Willy Viehöver (Hg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Bd.2: Forschungspraxis. 3. Auflage. Wiesbaden 2008.
  • Reiner Keller, Andreas Hirseland, Werner Schneider, Willy Viehöver (Hg.): Die diskursive Konstruktion von Wirklichkeit. Zum Verhältnis von Wissenssoziologie und Diskursforschung. Konstanz 2005.
  • Achim Landwehr: Geschichte des Sagbaren: Einführung in die historische Diskursanalyse, Tübingen: ed. diskord, 2001.
  • Philipp Sarasin: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse. Frankfurt am Main 2003.
  • Peter Ullrich: Diskursanalyse, Diskursforschung, Diskurstheorie. Ein- und Überblick. In: Ulrike Freikamp, Matthias Leanza, Janne Mende, Stefan Müller, Peter Ullrich, Heinz-Jürgen Voss (Hg.): Kritik mit Methode? Forschungsmethoden und Gesellschaftskritik, Berlin 2008: S. 19-32. [1].
  • Herbert Schnädelbach, Reflexion und Diskurs. Fragen einer Logik der Philosophie, Frankfurt a. M. 1977.
  • Ingo Warnke: Methoden der Diskurslinguistik. Sprachwissenschaftliche Zugänge zur transtextuellen Ebene. Berlin [u.a.] 2008.
  • Simone Winko: Diskursanalyse, Diskursgeschichte, In: Heinz Ludwig Arnold, Heinrich Detering (Hg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft, München 1996, S. 463-478.

Rainer Diaz-Bone: Entwicklungen im Feld der foucaultschen Diskursanalyse. In: Forum: Qualitative Sozialforschung. Bd. 4, Nr. 3, Art. 1, September 2003.
  • Wolfram Häfer: Foucaults Archäologie des Wissens als Methode der Diskursanalyse. 2004/2005.
  • Thomas Neubner: Die Diskurstheorie und ihre praktische Anwendung auf den Streit um die Mohammed-Karikaturen am Beispiel der Berichterstattung der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Eine Diskursanalyse. 2007.
  • Siegfried Jäger: Theoretische und methodische Aspekte einer Kritischen Diskurs- und Dispositivanalyse. Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, 25. September 2006 (auch in: Reiner Keller/Andreas Hirseland/Werner Schneider/Willy Viehöver (Hrsg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Leske + Budrich, Opladen 2000).
  • Siehe auch

    Einzelnachweise

    1. Vgl. z. B. Jürgen Habermas: Die neue Unübersichtlichkeit. Kleine Politische Schriften V. Frankfurt am Main 1985, S. 202.
    2. Dominique Maingueneau: L’Analyse du discours. Introduction aux lectures du discours. Paris 1991 zitiert in: Reiner Keller: Wissenssoziologische Diskursanalyse. Grundlegung eines Forschungsprogramms. 2. Auflage, Wiesbaden 2008: S. 136.
    3. Philipp Sarasin: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse. Frankfurt am Main 2003: S. 34.
    4. Philipp Sarasin: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse. Frankfurt am Main 2003: S. 35.
    5. Vgl. Siegfried Jäger: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. 4. Auflage, Münster 2004.

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