Strukturalismus
Strukturalismus ist ein Sammelbegriff für interdisziplinäre[1] Methoden und Forschungsprogramme, die Strukturen und Beziehungsgefüge untersuchen. Dabei gibt es keinen einheitlichen Strukturalismus, sondern nur strukturalistische Grundannahmen, die in den verschiedenen Strukturalismen immer wieder produktiv werden und vom Systemcharakter der Struktur ausgehen: Die Struktur bedingt die Funktionalität der Teile im Verbund einer Ganzheit.[2] Untersuchungsobjekte werden nicht für sich genommen betrachtet, da jedes einzelne Objekt überhaupt nur innerhalb eines Gesamtzusammenhangs individuierbar und betrachtbar ist und als seiend in Frage kommt. Im Fokus steht daher diese den Objektstatus erst ermöglichende Struktur. Ein Objekt wird insbesondere nicht durch Ursachenbeziehungen, nicht durch ideengeschichtliche oder andere Kontinuitäten erklärt, sondern durch seine kontextuelle Struktur, insbesondere durch Gegensatzbegriffe, die einen bestimmten Typ von Objekten bestimmbar machen und dessen Realität überhaupt erst begründen. Ein Wort beispielsweise existiert nicht als ein etwas bedeutendes Zeichen substantiell, sondern durch gegensätzliche Beziehungen zu anderen Elementen der Sprache, so dass nicht einzelne Äußerungen untersucht werden, sondern die Struktur der Sprache.[3] Das Verständnis eines Objekts ergibt sich demnach erst durch den Vergleich mit anderen Objekten und die Betrachtung der Beziehungen zwischen ihnen. Die strukturalistische Methode begreift ihre Objekte damit nicht als an sich seiend, sondern als Objekte, die kraft ihrer Einordnung in Strukturen überhaupt erst bestehen – Strukturen, die wesentlich durch die Konventionen unseres Zugriffs auf die Welt bestehen und die erklären, wie sich Objekte formieren und wandeln.[4]
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Strukturelle Differenzen als Grundannahme
Die Sprache ist das primäre Paradigma strukturalistischer Forschung.[5] Der Strukturalismus sieht in der Sprache als Zeichensystem den Grundtyp jeder ganzheitlichen Organisation der Wirklichkeit. Dabei wird zwischen der Sprache als System (langue) und der gesprochenen Sprache (parole) unterschieden. Parole ist die Aktualisierung der langue durch individuelle Sprecher. Die langue umfasst ein in sich geschlossenes, grammatisches und lautliches System, das den Sprechern der parole vorgegeben ist. Dieses System strukturiert die Masse der sprachlichen Äußerungen. Die langue aktualisiert sich in der parole, hat aber keine Existenz unabhängig von ihr und ist den Sprechern meist unbewusst. Zwei weitere Merkmale der langue sind die willkürliche Natur des sprachlichen Zeichens und die differentielle Erzeugung seiner Bedeutung. Das sprachliche Zeichen besteht aus dem Signifikanten als Bedeutungsträger und dem Signifikat als Inhalt. Die Differenz zwischen den Inhalten erzeugt erst das Signifikat und den Signifikanten. Am deutlichsten wird die differentielle Natur der Bedeutung am Beispiel binärer Gegensätze wie Frau/Mann, oben/unten sowie gut/böse. Das Gute gewinnt seine Bedeutung erst durch die Differenz zum Bösen. Ohne das Böse gäbe es auch das Gute nicht. Demnach bestimmt eine Veränderung der Bedeutung des Bösen unweigerlich auch die Bedeutung des Guten neu. Neben der sprachlichen Struktur gibt es auch eine Tiefenstruktur der Kultur. Die kulturellen und gesellschaftlichen Erscheinungen lassen sich als Modelle einer umfassenderen Struktur von Differenzen nach dem Vorbild der langue erklären. Dazu gehören beispielsweise Texte aller Art oder gesellschaftliche Machtverhältnisse. Dies lässt sich am Beispiel des Schachspiels verdeutlichen: Die Bedeutung der einzelnen Schachfiguren bestimmt sich nur durch ihre funktionale Differenz zu den anderen Figuren. Ähnlich wie Schachfiguren interessieren individuelle Dinge und Ereignisse nur, wenn sie uns über die Beziehungen zu anderen Elementen des Systems und damit über das zugrundeliegende System selbst informieren.[6]
Segmentierung als Methode
Der Strukturalismus beruht auf der Grundannahme, dass Phänomene nicht isoliert auftreten, sondern in Verbindung mit anderen Phänomenen stehen. Der Bereich des Beobachtbaren wird eingeteilt in strukturell beschreibbare und strukturell nicht beschreibbare Sachverhalte. Die beschreibbaren Phänomene werden segmentiert. Zwischen den Segmenten wird ein Zusammenhang rekonstruiert. Dabei ist unter Umständen eine den Segmenten zugrunde liegende weitere, abstraktere Beschreibungsebene anzusetzen, auf der wieder eine Segmentierung ihrer Einheiten möglich ist. In allen Fällen wird versucht, die analysierten Phänomene mit einer Art „Gitternetz“ zu erfassen (synchronische und diachronische Anordnung ihrer Symbole), in dem jedes Element durch die Merkmale, Korrelationen und Oppositionen bestimmt ist, die sich aus dem Verhältnis der Elemente untereinander ableiten lassen.
Entwicklung
Ferdinand de Saussure
Als Begründer des Strukturalismus gilt der Genfer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Vorlesungen über Allgemeine Sprachwissenschaft hielt (Cours de linguistique générale), in denen er die Grundlage für seine neue Methode schuf. Seine Vorlesungen wurden erst postum 1916 veröffentlicht. Laut Saussure gründen die einzelnen Redeereignisse (parole), durch die die Möglichkeiten des Systems (langue) variantenreich verwirklicht werden, in einem Beziehungsgefüge, dessen Glieder nicht substantiell bestimmt sind, sondern „in dem Geltung und Wert des einen nur aus dem gleichzeitigen Vorhandensein des anderen sich ergeben.“[7] Neuartig ist bei Saussure die Anwendung präziser Analysemethoden mit Anleihen an denen der Naturwissenschaften auf einen Gegenstandsbereich wie den der Sprachwissenschaft. Viele Konzeptionen der modernen semiotischen[8] Teildisziplinen haben hier ihre Ursprünge. Von Struktur spricht de Saussure aber nur am Rande und in untergeordneter Bedeutung, von Strukturalismus spricht er gar nicht.[9]
Claude Lévi-Strauss
Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat mit ethnosoziologischen Materialien wichtige Beiträge zur Struktur von Familien, totemischen Clans und den Mythen der Menschheit vorgelegt und dadurch deren Untersuchbarkeit ermöglicht. Die Mythen der unterschiedlichen Kulturen sind nach Lévi-Strauss Modelle eines auf Ganzheit zielenden wilden Denkens. Unabhängig von ihren verschiedenen Inhalten lassen sich die Mythen auf eine vergleichsweise kleine Gruppe so genannter Mytheme und ihrer Kombinationen zurückführen. Bei den Mythemen handelt es sich um die fundamentalen Einheiten der Mythen, z. B. Held tötet Drachen. Die Mytheme gewinnen ihre Bedeutung nicht durch ihren Inhalt sondern durch ihre Relation zu anderen Mythemen. Mythos, Dichtung und Literatur sind keine kreativen Schöpfungen sondern die Produkte struktureller Determination. Die menschliche Wirklichkeit selbst bringt Strukturmodelle hervor. Dabei ist es das Grundprinzip, dass der Begriff der sozialen Struktur sich nicht auf die empirische Wirklichkeit bezieht sondern auf die nach dieser Wirklichkeit konstruierten Modelle.[10]
Jacques Lacan
Strukturalistische Methoden wurden auf kulturelle Phänomene aller Art übertragen, auch auf die Psychoanalyse. Nach Jacques Lacan hat das Subjekt seinen Ursprung im symbolischen System. Das Unbewusste sei wie eine Sprache strukturiert und würde von Sprache hervorgebracht. Lacan leugnet die Einheit des cogito ergo sum, dass also das Ich, das denkt, mit dem Ich, das existiert, identisch wäre. Er behauptet stattdessen: „Ich bin nicht, wo ich denke.“[11] Lacan postulierte ein „Supremat des Signifikanten“[12] und entwickelte daraus die Struktur des Unbewußten nach Sigmund Freud[13] Es gibt nach Lacan keine vorgegebene Zuordnung von Signifikant und Signifikat. Entsprechend besteht auch keine fixe Bedeutung. Die Verbindungen seien jedoch nicht völlig beliebig für jeden Sinn offen. Sie gehorchten vielmehr den rhetorischen Gesetzen der Metonymie (mot à mot) und der Metapher (un mot pour un autre). Derart brächten sie eine „Topik des Unbewußten“ hervor: Die metonymische Struktur zeige an, dass die Verbindung des Signifikanten mit dem Signifikanten die Auslassung (élision) möglich mache, durch die der Signifikant den Seinsmangel (manque de l’être) in die Objektbeziehung einführe. Auf diese Weise entstehe das Begehren (désir).[14]
Sonstige Strukturalisten
Es gibt daneben zahlreiche weitere Versuche, die strukturalistische Methode auf alle kulturwissenschaftlichen Disziplinen auszuweiten: auf die Linguistik, mythische Diskurse, die Anthropologie oder beispielsweise auf die Literaturwissenschaft durch Jan Mukařovský, Tzvetan Todorov und Roland Barthes. Einer der prägendsten Strukturalisten des 20. Jahrhunderts ist Roman Jakobson, ein Hauptvertreter des Prager Strukturalismus. Er arbeitete strukturalistische Zeichen-, Sprach-, Kommunikations- und Literaturtheorien aus. Im Bereich der Phonetik wurden schon sehr früh strukturalistische Methoden ausgearbeitet und angewandt. Die Erarbeitung des Lautschriftsystems der IPA/API (International Phonetic Association/Association phonétique internationale) kann mit diesen Anfängen in Zusammenhang gebracht werden.
Ausufernde Bezugnahmen
Der kulturbezogene Strukturalismus hatte seine Hochphase in den 1970er Jahren. Strukturalistische Methoden wirkten vor allem in der Semiotik und Literaturtheorie fort. Beziehungen bestehen teilweise auch zur Systemtheorie und zur Psychoanalyse. Anwendungen finden sich u.a. in den Sozial- und Geisteswissenschaften, besonders der Linguistik, der Erkenntnistheorie, der Literaturwissenschaft, der Psychologie, der Soziologie und der Anthropologie bis hin zur Architektur.
Kritik
Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Strukturalismus brachten philosophische Strömungen, die später als Poststrukturalismus bezeichnet wurden. Die Diskursanalyse von Michel Foucault ist in ihrer Beziehung zum Strukturalismus umstritten. Foucault selbst hat sich mehrfach kritisch gegen eine einfache Beiordnung zu strukturalistischen Schulen geäußert.[15] Die von Jacques Derrida entwickelte Methode der Dekonstruktion wendet sich ebenfalls kritisch gegen wesentliche Thesen des klassischen Strukturalismus. Auf die Problematik, den Strukturalismus als ein einheitliches Konzept zu bezeichnen, hatte Lévi-Strauss bereits selbst hingewiesen:
- Ich glaube auch nicht, daß man heute noch von einem Strukturalismus sprechen kann. Es gab eine ganze Menge von Richtungen, die sich als strukturalistisch ausgaben, und andere, die man von außen her als strukturalistisch bezeichnete, obwohl sie es nach Ansicht ihrer Vertreter selber gar nicht waren.[16]
Siehe auch
Literatur
- Klassiker
- Jacques Derrida: De la grammatologie, Paris 1967, dt. übers. Hans-Jörg Rheinberger, Hanns Zischler: Grammatologie, Frankfurt am Main : Suhrkamp 1983, ISBN 3-518-28017-1 Enthält eine Darstellung, Kritik und Fortschreibung des klassischen Strukturalismus - allerdings als eigenständiger Essay nicht zur einführenden Lektüre geeignet.
- Ferdinand de Saussure: Cours de linguistique générale, Geneva 1915; krit. Ausg. hg. Rudolf Engler, 2 Bde., Wiesbaden : Harrassowitz 1967, 1974; dt. Übers. Charles Bally: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, 2. Aufl. mit neuem Register, Berlin : DeGruyter 1967
- Sekundärliteratur
- Johannes Angermüller: Nach dem Strukturalismus. Theoriediskurs und intellektuelles Feld in Frankreich. Bielefeld 2007. ISBN 978-3-89942-810-0
- Artikel Structuralism (David Holcroft), Structuralism in linguistics (ders.), Structuralism in literary theory (Joseph Margolis), Structuralism in social science (Theodore R. Schatzki), in: Routledge Encyclopedia of Philosophy
- Gilles Deleuze: Woran erkennt man den Strukturalismus?, Berlin: Merve Verlag 1992, ISBN: 3-88396-092-6
- François Dosse: Geschichte des Strukturalismus, 2 Bde., Hamburg : Junius 1997f, ISBN 3-88506-268-2
- Lothar Fietz: Strukturalismus. Eine Einführung. 3. Aufl., Gunter Narr Verlag, Tübingen 1998
- Manfred Frank: Was ist Neostrukturalismus?, Frankfurt a. M. : Suhrkamp 1984, ISBN 3-518-11203-1
- Rainer Grübel: Formalismus und Strukturalismus, in: Heinz Ludwig Arnold, Heinrich Detering (Hgg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft. München: dtv 1996, 386-408
- Albrecht Jörn: Europäischer Strukturalismus. Ein forschungsgeschichtlicher Überblick, Tübingen: Francke 2000
- Gerhard Plumpe: Strukturalismus, Artikel in: Joachim Ritter u.a. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Schwabe, Basel 1971 bis 2007
- Michael Ryan: Structuralism and Poststructuralism, in: New Dictionary of the History of Ideas, Bd. 5 (2005), 2260-2264
- Günther Schiwy: Der französische Strukturalismus, München (Beck), 1969, ISBN 3-499-55310-4
Weblinks zu zu Einzelnachweise