Handeln
Als Handeln wird im anthropologischen und auch im umgangssprachlichen Sinn das bewusste Agieren, Arbeiten oder Gestalten, sowie - im Gegensatz zu dem, was einem einfach widerfährt - das bewusste Unterlassen einer Tätigkeit bezeichnet. Handeln wird von der bloßen Reaktion abgegrenzt, die von einem Reiz ausgelöst wird.
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Abgrenzung zum Verhalten
Das Handeln unterscheidet sich vom bloßen Verhalten in folgenden Punkten: [1]
- Es ist intentional, bewusst, willkürlich.
- Der Verlauf der Handlung ist, wenigstens zum Teil, kontrollierbar; daraus folgt
- Das Subjekt trägt die Verantwortung für sein Tun, was emotionale (Stolz, Scham) oder juristische (Schuld) Konsequenzen haben kann.
- Handeln findet oft innerhalb eines vorgegebenen Regelwerks oder Ablaufplans statt (Handlungsschemata wie Heiraten, Walzer tanzen, Elfmeter schießen), was Beobachtern das Kategorisieren und Wiedererkennen der Handlung erleichtert und so schnell ihren Sinn offenbart.
- Handlungen sind polyvalent in dem Sinne, dass sie mehreren Bezugssystemen gleichzeitig angehören. So kann jede menschliche Handlung in der Sprache der Physik, der Medizin, der Psychologie, des Rechts usw. beschrieben werden.
Wissenschaftliche Aspekte menschlichen Handelns
Menschliches Handeln ist vor allem eine Frage der Anthropologie. Im Sinne der Philosophischen Anthropologie[2] steht die Fragestellung: Was unterscheidet den Menschen insoweit von Pflanzen, Tieren oder Maschinen, die sich alle auf Impulse/Reize hin „verhalten“ können? Worauf genau könnte eine Fähigkeit zu handeln fußen?
Theologie, Philosophie
Antworten gibt hier entweder die Theologie vor: Allein Menschen haben Seelen (sonst könnte auch z. B. niemand sündigen).[3]
Oder die Philosophie schreibt dem Menschen eine (eingeschränkte oder völlig freie) Fähigkeit zu, etwas zu wollen (den Willen)[4]; oder die Rationalität[5], etwas zu erdenken; oder das Selbstbewusstsein (die Reflexion), sich selbst zu beobachten (sich seines eigenen Bewusstseins bewusst zu sein[6] - was dem Tier oder dem Roboter abgesprochen wird); oder im Rahmen der philosophischen Ästhetik, die Fähigkeit, künstlerisch etwas Schönes zu erschaffen. Es geht hierbei um schwierige Probleme der Subjektivität. Baruch Spinoza hat dabei „Willen und Intellekt“ als „ein und dasselbe“ erklärt: Voluntas atque intellectus unum et idem sunt.
Rechtswissenschaft
Von diesem Verständnis analysiert das Strafrecht die Handlung als prinzipiell willentlich, und die Tathandlung als schuldhaft: Ohne eine gewisse (vom Gesetzgeber unterstellte) Freiheit des Willens gäbe es keine Schuld, also auch keine gesetzliche Strafe.[7]
Soziologie
Namentlich aber ist „Handeln“ – und zwar als soziales Handeln – zu einem wichtigen Grundbegriff der Soziologie geworden.[8]
Soziale Positionen in der Gesellschaft und ein von ihnen gestütztes Selbstbewusstsein kann sich der Einzelne (Akteur) mit Hilfe sinnhaften Handelns und Gestaltens im Rahmen von Arbeitsprozessen sowie von weiteren Handlungsformen (Kunst, Spiel) erobern und bewahren. Zum Beispiel lassen sich die häufigen Handlungsschwächen von Langzeitarbeitslosen auch als Entzug der Zugänge zu sozialen Positionen kraft eigenen Handelns erklären, die ihnen soziale Anerkennung und Identität vermitteln könnten.
Psychologie
Handeln gehört auch zum Kerngebiet der Motivationspsychologie. Zielbasierte, motivationspsychologische Theorien gehen davon aus, dass Menschen sich Ziele setzen (können), nach denen sie ihr Handeln ausrichten. Ob ein Ziel gesetzt wird, hängt davon ab, inwieweit es als wünschbar und durchführbar erlebt wird bzw. mit einem Lebensplan vereinbar ist. Andererseits lässt sich Handeln (theoretisch) auf motivationale Sachverhalte zurückführen.[9]
Handeln ist im Sinne der neueren Psychologie bzw. Pädagogik vor allem ein Instrument der Sozialisation. Als Interaktion gewinnt der Sachverhalt seine sozialisatorische Bedeutung. Indem der Mensch in sozialen Gefügen handelt
- erwirbt er Wissen und Kompetenzen (siehe: Handlungskompetenz)
- lernt er, sich in ähnlichen Situationen zu verhalten
- gewinnt er gestalterische Kompetenzen, die ihm Einfluss auf seine soziale und materielle Umwelt ermöglichen.
Eine Existenzsicherung stellt das Handeln als Interaktion zwischen Kind und Bezugspersonen in der frühen Kindheit dar. Kinder ohne diese oder ausreichende Interaktionsmöglichkeiten haben bedeutende Persönlichkeitsstörungen, die von langer Dauer sind und nicht immer therapiert werden können (siehe: Entwicklungspsychologie bzw. Hospitalismus).
Menschen (im Alter) ohne sozial relevante Handlungsmöglichkeiten, geraten in große psychische Bedrängnis, erachten sich als wertlos und fühlen sich an den Rand ihrer Existenz gedrängt (Suizid).
Einzelnachweise
- ↑ Joachim Funke: Problemlösendes Denken; Kohlhammer Verlag 2003, ISBN 3-17-017425-8
- ↑ Arnold Gehlen, Zur Geschichte der Anthropologie [1957], in: Ders.: Gesamtausgabe, hg. von Karl-Siegbert Rehberg, Bd. 4: Philosophische Anthropologie und Handlungslehre, Klostermann, Frankfurt am Main 1983, S. 143-164.
- ↑ Siehe: Dorothea Sitzler-Osing u.a. (Hgg.): Sünde I. Religionsgeschichtlich II. Altes Testament III. Judentum IV. Neues Testament V. Alte Kirche VI. Mittelalter VII. Reformationszeit und Neuzeit VIII. Praktisch-theologisch, in: Theologische Realenzyklopädie 32, 2001, S. 360–442 (umfassender Überblick zur christlichen Auffassung). Auch Judentum und Islam kennen die „Sünde“.
- ↑ Ferdinand Tönnies, Die Tatsache des Wollens, Duncker & Humblot, Berlin 1982
- ↑ Vgl. Hans Albert, In Kontroversen verstrickt. Vom Kulturpessimismus zum kritischen Rationalismus, Lit-Verlag, Münster 2007
- ↑ Vgl. M. Frank (Hg.), Selbstbewusstseinstheorien von Fichte bis Sartre, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991; Gotthard Günther, Das Bewusstsein der Maschinen. Eine Metaphysik der Kybernetik, Agis Verlag, Krefeld/Baden Baden 1957, ³2002 (ISBN 3-87007-009-9).
- ↑ Vgl. Heinz-Gerd Schmitz, Zur Legitimität der Kriminalstrafe. Philosophische Erörterungen, Berlin 2001.
- ↑ Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 1922 u.ö., § 1.
- ↑ Vgl. Falko Rheinberg, Motivation, Kohlhammer, 5. Aufl., Stuttgart 2004.
Siehe auch
- Handlung (Recht), die juristische Auffassung des Tuns
- Symbolischer Interaktionismus
- René A. Spitz, psychologische Hintergründe des Interaktionismus in der frühen Kindheit
- anaklitische Depression
- Harry Harlow, Interaktion bei Rhesusaffen unter bestimmten experimentellen Bedingungen
Wikiquote: Handeln – Zitate
- George Wilson: Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (englisch, inklusive Literaturangaben)
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